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Biedermeier

Der Stil ist fast 200 Jahre alt, deutlich antik – aber immer noch sehr gefragt. Warum Biedermeier-Möbel gut in das moderne Wohnumfeld passen, und wie Ihr sie am Besten integrieren könnt, verrät Euch unser Stilratgeber Biedermeier.

Als Biedermeier gilt die Epoche zwischen 1815 und 1848. Sie unterscheidet sich durch zwei Merkmale grundsätzlich von allen anderen Stilepochen: ist sie ein deutsches Phänomen, und sie bezieht sich fast ausschließlich auf Möbel. In der Architektur dominierte damals der Klassizismus, in der Kunst die Romantik, und die Mode der Welt war der Empire-Stil. Nur in Deutschland gab es den Rückzug des Bürgertums in das Private, der sich im Biedermeier-Stil ausdrückte. Historiker bemühen gern die damaligen dramatischen gesellschaftlichen Veränderungen als Grund für dieses Verhalten. Immerhin hat es dazu geführt, dass wir heute über ein angenehmes Stilmittel für das Wohnambiente verfügen.

Denn Biedermeier-Möbel sind bei aller Eleganz und antiker Anmutung sehr praktisch und passen sich mit ihren ausgewogenen Proportionen gut in die heutigen Verhältnisse ein. In erster Linie rührt das daher, dass man damals eher kleinteilige Möbel produzierte und wenig Wert auf wuchtige Repräsentanz legte. Biermeier-Stühle z.B. entsprechen in ihren Abmessungen ziemlich genau unseren heutigen funktionalen Sitzmöbeln, sind leicht handhabbar, und bieten einen hohen Komfort. Im Design unterscheiden sie sich aber deutlich. Zwar verzichten auch sie weitgehend auf schmückende Elemente, bringen dafür aber die dekorative Wirkung des Holzes zur Geltung. Die Möbelbauer des Biedermeier gaben sich alle Mühe, die Maserung im Holz zur optischen Attraktion aufzuwerten und brillante Farbtöne zu erzeugen. Das erreichten sie durch aufwändige Techniken des Lackierens, des Tönens und die Verwendung unterschiedlicher Holzarten.

Gleichzeitig wirken Biedermeiermöbel sehr dezent und zurückhaltend elegant. Man mag das als Antwort auf die ausladenden Verzierungen der Möbel in den Adelshäusern in der Epoche davor verstehen, aber eigentlich drückt sich darin ein typisch klassizistisches Element aus: Die Reinheit der Form und des Materials hatte man gegen Ende des 18. Jahrhunderts gerade erst wiederentdeckt; es herrschte damals geradezu eine Art Antike-Euphorie in Europa. Der Verzicht auf jedweden Protz und Pomp macht die Möbel heute so angenehm. Sie strahlen Behaglichkeit und Zweckmäßigkeit aus. Ihre Exklusivität erhalten sie durch die raffinierte Wirkung des Holzes.

Einrichtung

Die Biedermeier-Möbel entsprechen der bürgerlichen häuslichen Sphäre, die vor allem im Wohnzimmer, im Esszimmer und im Arbeitszimmer hergezeigt wurde. Entsprechend vielfältig sind auch die Lösungen, die mit diesen Möbeln verbunden sind – man denke nur an die grazilen Sekretäre, gegen die unsere heutigen Schreibtische wie Arbeitsplatten wirken.

Ein typisches Biedermeier-Möbel ist der ovale Esstisch mit einem Mittelfuß als Unterkonstruktion. Diesem Produkt liegen absolut rationale Erwägungen zugrunde: Die Versammlung der (damals noch etwas größeren) Familie an einem Tisch sollte räumlich so effizient wie möglich erfolgen. Durch die Vermeidung von Ecken wird die Anzahl der Stühle variabel, wobei der Mittelfuß für jeden Sitzplatz auch die erforderliche Beinfreiheit gewährleistet. Im Biedermeier wurde faktisch der erweiterbare Stuhl-Set erfunden.

Den besten Schauwert bieten die Biedermeier-Kommoden. Auch sie erreichen das nicht durch üppige Verzierungen, sondern durch ihre filigrane Bauweise. Sie erfüllen vollständig ihre praktische Funktion, wirken dabei aber äußerst elegant. Das trifft auch auf Sofas und Sessel zu, aber hier dominiert bei aller Noblesse eindeutig der Charakterder Gemütlichkeit. Die sollte das Wichtigste sein, wenn man traut beisammen saß – gar nicht so altmodisch.

Materialien und Farben im Biedermeier

Als Material für die Möbel wurden helle Hölzer mit ausdrucksstarken Maserungen verwendet wie Birke, Wurzelahorn, Birne, Pappel oder Kirschbaum. Den gewünschten Farbton erreichte man mit z.T. mehrmaligem Beizen. Die glatte und polierte Oberfläche konserviert die sichtbare Holzstruktur wie eine Glasscheibe über einem Bild. Das Furnier wird zum ästhetischen Wert.

Die Bezugsstoffe der Sitzmöbel glichen sich dieser Wirkung an. Glänzende Seide und Stoffe mit erhabenen Effekten wie Samt wurden bevorzugt. Die Farbe Rot gesellte sich aber erst später zu dem bekannten „Plüschsofa“ hinzu. Im Biedermeier wählte man blau oder grün, gemusterte Oberflächen basierten meist auf Weiß- und Pastelltönen. Blümchenmuster und Streifen waren die Favoriten im Geschmack dieser Zeit.

Da nimmt es auch nicht wunder, dass man damit auch die Wände ausgiebig zu schmücken suchte. 1799 wurde die Maschine erfunden, mit der Papiertapete industriell produziert werden konnte. Das Produkt gelangte sofort in den Status der Unverzichtbarkeit für jeden Biedermeier-Haushalt. Die endlose Fortsetzung der künstlichen Muster bildete die Ergänzung der natürlichen optischen Wirkung des Holzes. Die bis dahin (jedenfalls in Kreisen, die es sich leisten konnten) übliche Wandbespannung mit Stoffen wich dem praktischen Sinn des Bürgertums.

Der Begriff „Biedermeier“ entstand erst Jahrzehnte später in der ironisierenden Rückschau auf die „gemütliche Zeit“. Heute jedoch könnt Ihr ganz unbelastet den Biedermeier-Stil als nützliches und elegantes Design in Eure Wohnumgebung einbeziehen.

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